Weill Cornell Medical College, Dr. Crina Nimigean, https://www.drugtargetreview.com

Ionenkanäle: Wendepunkt für ein unterschätztes Forschungsfeld

Lange galten Ionenkanäle in der Arzneimittelforschung als wissenschaftlich faszinierend, aber therapeutisch schwierig. 2025 hat sich dieses Bild grundlegend verändert und mehrere Zulassungen therapeutischer Wirkstoffe haben die Tür aufgestoßen für weitere Entwicklungen zur molekularen Interaktion mit Ionenkanälen. Von Dr. Niels Fertig, CEO und Gründer Nanion Technologies, München

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Selten zuvor gab es innerhalb eines Jahres so viele klinische und wissenschaftliche Durchbrüche, die das Feld der Ionenkanäle sichtbar vorangebracht und damit auch das Interesse der großen Pharmaunternehmen neu geweckt haben.

Den Auftakt machte die Zulassung von Journavx (Suzetrigin, Vertex Pharmaceuticals), dem ersten selektiven Nav1.8-Inhibitor und zugleich dem ersten wirklich neuen, nicht-opioiden Analgetikum seit mehr als zwei Jahrzehnten. Es folgten weitere Marktzulassungen, die unterschiedliche Ionenkanäle therapeutisch adressieren: VYKAT XR (Soleno Therapeutics Inc.) als KATP-Kanalöffner gegen Hyperphagie beim Prader-Willi-Syndrom, Tryptyr (von Alcon) als TRPM8-Agonist bei trockenen Augen, KETARx (PharmaTher Holdings Ltd.) als NMDA-Rezeptorblocker für chirurgische Schmerzen sowie Cardamyst (Milestone Pharmaceuticals Inc.), ein nasal applizierter L-Typ-Calciumkanalblocker (CaV), der erstmals eine selbst verabreichte Akuttherapie bei paroxysmaler supraventrikulärer Tachykardie ermöglicht. Ergänzt wurden diese Innovationen durch mehrere Indikationserweiterungen und Generika im Bereich ionenkanalwirksamer Wirkstoffe weltweit.

Dr. Niels Fertig

Der Eindruck verfestigte sich: Das Feld hat den Übergang von „interessant, aber kompliziert“ zu „klinisch wirksam und beherrschbar“ vollzogen. Entsprechend schnell reagierte auch die Industrie. Große Übernahmen und Lizenzdeals unterstrichen das neue Vertrauen in Ionenkanäle als valide Wirkstoffziele. Eli Lilly übernahm SiteOne für rund eine Milliarde US-Dollar, Biogen und Stoke schlossen einen bis zu 165 Mio. US-Dollar schweren Deal um Zorevunersen für das Dravet-Syndrom. GRIN Therapeutics und Angelini investierten bis zu 570 Mio. US-Dollar in Radiprodil, und Maxion sammelte 72 Mio. US-Dollar für eine antikörperbasierte Ionenkanal-Plattform ein. Insgesamt entstanden allein 2025 mindestens sechs neue Unternehmen mit einem Fokus auf Ionenkanäle.

Mechanismen der Ionenkanal-Aktivierung und -Inaktivierung

Parallel dazu lieferte die akademische Forschung eine Reihe grundlegender Erkenntnisse. Die Familie der Ionenkanäle wurde erweitert, nachdem delta-Typ-Glutamatrezeptoren (hGluD2) eindeutig als ligandengesteuerte Ionenkanäle bestätigt wurden. Ein seit über 50 Jahren diskutierter „Ball-and-Chain“-Mechanismus der Kanalinaktivierung konnte erstmals atomar aufgelöst werden. Gemeint ist damit eine in der Proteinkette des Ionenkanals befindliche globuläre Struktur – eine Art Ball –, die die Pore nach Ionendurchtritt blitzschnell verschließt. Zudem gelang der Nachweis eines funktionellen Ionenkanals in Exosomen – ein Befund mit potenziellen Implikationen für Zell-Zell-Kommunikation. Neue Kryo-EM-Strukturen, etwa von KCa2.2, Kv1.2, TRPC1/TRPC4, ELIC und THIK-1, vertieften das strukturelle Verständnis weiter. Besonders dynamisch entwickelte sich die De-novo-Design-Forschung: künstlich entworfene spannungsgesteuerte Anionenkanäle (dVGAC) sowie neuartige Calciumkanäle mit definierter Selektivitätsfilter-Geometrie zeigen, wie weit sich das Feld von rein deskriptiver Biologie entfernt hat.

Der Blick nach vorn ist entsprechend optimistisch. Mehr als 100 laufende Phase III-Studien mit Ionenkanalbezug deuten darauf hin, dass 2026 ein weiteres starkes Jahr werden könnte. Im Fokus stehen unter anderem Radiprodil (GluN2B-NAM) für GRIN-assoziierte Erkrankungen mit FDA-Breakthrough- und EMA-PRIME-Status, Xenons Azetukalner als Kv7.2/7.3-Öffner bei Epilepsie und Depression, Motugivatrep als TRPV1-Antagonist gegen trockene Augen sowie Zorevunersen als Antisense-Therapie bei Dravet.

Auf methodischer Seite wird mit einem stärkeren Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Modellierung und Wirkstoffdesign gerechnet, mit weiteren Kryo-EM-Strukturen unter möglichst naturnahen Bedingungen, mit wachsendem Interesse an synthetischen und organellären Kanälen sowie mit einer engeren Verzahnung automatisierter Hochdurchsatztechnologien mit Standard-Workflows. Auch Präzisionsansätze bei Kanalopathien rücken stärker in den Fokus.

Nach Jahren relativer Stagnation haben Ionenkanäle 2025 eindrucksvoll gezeigt, welches therapeutische Potenzial in ihnen steckt. Vieles spricht dafür, dass dieser Aufschwung nicht nur ein kurzer Hype ist, sondern der Beginn einer neuen Phase für ein zentrales, lange unterschätztes Zielgebiet der Pharmakologie. Das spricht auch für die Unternehmen, die in diesem Segment Werkzeuge und Plattformtechnologien anzubieten haben.

Auch die auf |transkript.de bereits erwähnte Finanzierungsrunde der Schweizer Mosanna Therapeutics über 80 Mio. US-Dollar gehört in das Feld der Ionenkanäle. Dort wird die Aktivierung der oberen Atemmuskulatur addressiert.

Weiterführender Lesestoff:

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